Nicht, dass das nicht sein könnte, geben tut es das natürlich. Wir beissen uns die Zähne aus und wissen nicht, ist der/diejenige einfach therapieresistent? Bin ich nicht kompetent genug? Habe ich etwas übersehen?
Auch das ist alles möglich.
Manchmal ist es aber auch so, dass ein Mensch so sehr gewohnheitsmässig die Nase im Dreck behält, dass ihm gar nicht auffällt, wieviel Positives ihn umgibt, und was sich seit dem letzten Termin alles getan hat.
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Anektdote aus der Praxis
Eine ältere, sehr rüstige Dame mit der Diagnose Asthma sucht die Praxis auf, zwischendurch brauche sie immer zusätzlichen Sauerstoff, und fragt ob man da noch was machen könne.
4 Monate später ist sie wieder da. Die Frage, ob sich etwas geändert habe verneint sie, denn sie habe immer noch rez. Atemnot, benötige Asthmamedikamente.
"So ein Mist" denkt sich der HP.
Ob es denn irgendwas gibt, was sich seither geändert habe, fragt er nach, eigentlich aus seiner Hilflosigkeit heraus.
Na ja, etwas schon, sie braucht keinen zusätzlichen Sauerstoff mehr und konnte auf das O2-Gerät verzichten, sagt sie, selbst etwas verblüfft, dass es ihr jetzt erst bewusst wird.
*Augenrollen* denkt sich der HP, und ist wieder positiv motiviert.
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Wie ihr seht, wenn man mal weiss, wie der Mensch allgemein tickt, und gewohntermassen in seinem Elend hocken bleibt, kann es schon helfen nachzuhaken und ganz genau nachzufragen.
Bei der ersten Anamnese notiere ich immer die wichtigsten Themen und Symptome und so kann ich bei folgenden Terminen diese Liste ganz locker durchgehen. "Was macht der Rücken denn inzwischen?" "Wie ist der Schlaf mittlerweile?" "Ist das Zähneknirschen besser geworden?" "Was macht der Erbschaftsstreit?"
Natürlich ist es immer noch möglich, dass alles abgeschmettert wird, aber dann weiss ich evtl. dass ich dort einen schwierigeren Kanditaten vor mir habe, und kann dementsprechend mich umstellen, mein Konzept verändern.
Aber vorher: Fragt, und hakt nach.