"Praxisleitfaden Psychische Erkrankungen. Von Hausärzten und Psychiatern gemeinsam für die Praxis erarbeitet" (Hogrefe, 406 Seiten, 39,95 Euro, am 21.Janaur 2019 erschienen)
Hier mein Text:
In der amtsärztlichen Überprüfung angehender Heilpraktiker für Psychotherapie gilt es nachzuweisen, dass der Prüfling "keine Gefahr für die Volksgesundheit" ist. Was für eine schöne Formulierung - die letztlich besagt, dass der Prüfling wissen muss, wo seine Grenzen sind. Welches Krankheitsbild erkenne ich? Kann ich helfen, und: Darf ich das?
Genau diese Fragen stellen sich auch in der hausärztlichen Praxis immer wieder. "Die Anzahl behandelter psychisch überlagerter und primär psychiatrisch erkrankter Patienten hat (...) deutlich zugenommen", heißt es in der Einleitung des Buches. Die genannten Zahlen verdeutlichen das Ausmaß: Mit etwa 30 Prozent werde derzeit das Risiko angegeben, mindestens einmal im Leben an einer psychischen Störung zu erkranken. Psychische Erkrankungen seien in Deutschland inzwischen die Hauptursache für eine vorzeitige Berentung und in 20 Prozent die Indikation für eine stationäre Rehamaßnahme. Häufigste Diagnosen: depressive Störungen, Angststörungen, Belastungsreaktionen, somatoforme Störungen und Suchterkrankungen.
Tatsächlich gehen die meisten Betroffenen zuerst zu ihrem Hausarzt. Einer zitierten Umfrage von Ende 2013 zufolge gaben 84,5 Prozent der zufällig ausgewählten Menschen an, bei psychischen Problemen zuerst den Facharzt für Allgemeinmedizin angesprochen zu haben. Von diesen 84,5 Prozent wurden 43 Prozent zur Weiterbehandlung an einen Psychotherapeuten und 13 Prozent an einen Facharzt für Psychiatrie bzw. Neurologie überwiesen.
Eine gewaltige Baustelle in der Hausarztpraxis. Es ist nicht allein dem Vertrauen in den Hausarzt geschuldet, dass so viele Menschen mit psychischen Störungen dort landen. Es liegt auch, wie die Autoren des Buches sehr richtig anmerken, "an der zu beachtenden Komorbidität von rein somatischen und psychischen Störungen sowie an der hohen Anzahl von Patienten mit funktionellen bzw. nicht spezifischen Körperbeschwerden, die eine Abklärung körperlicher Beschwerden wünschen".
Was bring der Hausarzt mit? In aller Regel gute Kenntnis des Patienten, was dessen Familie, Umfeld und Lebensumstände beinhaltet. Wenn es gut läuft, erkennt der Hausarzt früh, wenn etwas schief läuft: Frühsymptome einer psychischen Erkrankung, Anzeichen einer Suchterkrankung. Dennoch: Um alles - rechtzeitig! - zu erkennen und in der Folge richtig zu behandeln/an einen Facharzt zu verweisen, müsste der Hausarzt sich in Psychiatrie und psychosomatischer Medizin in einem Maß auskennen, das, wie die Autoren wissen, "weit über das im Medizinstudium erworbene Wissen hinausgeht."
Auch der Hausarzt soll und will keine "Gefahr für die Volksgesundheit" sein. Weiterbildung ist auch hier angesagt. Und eines von vielen hilfreichen Tools im Alltag will dieser "Praxisleitfaden" sein. Zur schnellen Orientierung bieten die einzelnen Kapitel wiederkehrende Raster wie "Praxistipps", "Kasuistik", "Merke", Cave" und auch Fallstricke.
Immerhin 10 einführende Seiten sind den Leitsymptomen psychischer Erkrankungen gewidmet - das das Buch aus Erfahrungen im Praxisalltag heraus konzipiert wurde, macht allein das deutlich, wie wichtig konkretes Wissen zu psychischen Störungen und Psychiatrie auch in der Hausarztpraxis ist. Weiter geht es mit Psychopharmakotherapie (30 Seiten), Psychotherapie aus der Sicht des Hausarztes (13 Seiten). Unter der Überschrift "Akutversorgung psychischer Krisen in der hausärztlichen Praxis" finden sich die Themen "Notfallpsychiatrie" (19 Seiten) und "Suizidalität" (9 Seiten).
Unter dem Kapitel "Versorgung psychischer Erkrankungen in der hausärztlichen Praxis" sind zusammengefasst
- Affektive Störungen, Depressionen
- Angstsörungen
- Suchterkrankungen
- Schizophrenie und Wahn
- Nichtspezifische, funktionelle und somatoforme Körperbeschwerden
- Psychische Störungen während und nach der Schwangerschaft
- Zwangsstörungen (untergliedert in Einleitung, Zwangsst. aus fachpsychiatrischer Sicht und aus hausärztlicher Sicht)
- Essstörungen
Patienten mit psychischen Erkrankungen in speziellen Lebenssituationen umfasst
- Hohes Alter und psychische Erkrankungen
- Demenz
- Ambulante Versorgung (eben dieser) in Alten- und Pflegeheimen
- Migranten und Geflüchtete in der Hausarztpraxis
Psychotrauma und Selbstverletzung
- Gewalt im sozialen Nahraum und sexualisierte Gewalt
- Traumatisierung und körperliche Erkrankung
- Selbstverletztendes Verhalten
Präventive Psychiatrie in der primärärztlichen Versorgung
- Vorsorgeuntersuchung und Screenings bei jungen Menschen
- Früerkennung affektiver Störungen
- Frühwarnehmung und Risikoabschätzung von Demenzen in der Hausarztpraxis
Forensische und organisatorische Fragen für Hausärzte
- Sozialrechtliche Begutachtung
- Grundlagen der Begutachtung zum Betreuungsrecht
- Beurteilung von Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit
- Psychische Erkrankungen und Arbeit
- Chancen von internetbasierten Interventionen für körperliche und psychische Erkrankungen in der Hausarztpraxis
- Basiswissen Sozialpsychiatrie
All das komprimiert auf 406 Seiten - selbstverständlich kann das nur eine Orientierung sein und nicht annähernd die Facharztausbildung ersetzen. Die Herangehensweise der Autoren: Jedes Kapitel wurde von einem Hausarzt und einem Psychiater zusammen verfasst oder von einem entsprechenden Tandem-Team so überarbeitet, dass es den spezifischen allgemeinmedizinischen Bedarf trifft. Und so ist es eben genau das, was der Titel besagt: ein Praxisleitfaden Psychische Erkrankungen, von Hausärzten und Psychiatern gemeinsam für die Praxis erarbeitet, interessant zu lesen aber auch für alle anderen in der Primärversorgung tätigen Menschen.
*Denn schlimmer als zu sterben ist es, nicht zu wissen, wofür man lebt.* (Gioconda Belli)