Lieber Attila
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Ich habe mir überlegt, was ich in diesem Jahr wichtiges gelernt habe.
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Menschliche Konzepte
In einem Deiner Kurse habe ich gelernt/erkannt, dass fast alles, was mich umgibt, menschliche Konzepte sind. Diese können für mich stimmig sein, zum Teil stimmig sein, aber auch unstimmig sein. Ich kann aber auch selber meine persönliche Konzepte entwickeln, die genauso richtig oder falsch sind, wie die Konzepte anderer Menschen.
Diese Erkenntnis hat bewirkt, dass ich mich auf Konzepte anderer Eingelassen habe, ohne gleich das Gefühl zu haben, diese dann 1:1 übernehmen zu müssen.
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Ich habe mich im April dieses Jahres auf den Schreibkurs "Herztraining" eingelassen, wo es darum ging, über Gefühle zu schreiben. Da ich kein Fan von Übungstexten bin, bin ich gleich mit einer Geschichte eingestiegen, und habe so den Weg zurück zum Schreiben gefunden.
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Als Kind war ich in meinen Tagträumen immer der Protagonist in meinen Geschichten. Ich habe diese Geschichten nie aufgeschrieben. Während des Promotionsstudiums erwachte in mir jedoch der Wunsch, meine Geschichten aufzuschreiben. Ich bin in meiner Lieblingsbuchhandlung auf das Buch "Der Weg zum Schreiben" von Julia Cameron gestossen, habe mich an den PC gesetzt und einfach drauflos geschrieben. Ich hatte keine Ahnung, wohin mich meine Geschichte führen würde. Ich schrieb und las meine Geschichte sozusagen zugleich. Ich dachte, wenn ich 100 Seiten schaffe, sei das schon viel. Doch die Geschichte wurde immer verworrener und komplexer. Am Schluss umfasste sie 1500 DIN A4 Seiten. Ich habe für die Erstschrift 18 Monate gebraucht.
Als Kind hätte ich gerne eine Brieffreundin gehabt. So kam ich auf die Idee einen zweiten Roman, nur aus einem Briefwechsel zwischen zwei 12 jährigen Mädchen bestehend, zu schreiben. Das war eine ziemliche Herausforderung, da ein Brief im Prinzip ein Monolog ist. Auch diese Geschichte wurde immer verworrener und komplexer und umfasste am Schluss 1500 DIN A4 Seiten. Ich habe auch für den zweiten Roman 18 Monate gebraucht.
Ich habe beide Romane heimlich geschrieben. Meine Mutter las zwar gerne, schreiben war ihr jedoch zu endgültig, zu sehr in Stein gemeisselt. Sie hätte es mir ausgeredet, weil es in ihren Augen reine Zeitverschwendung war.
Bei einem Zeichenkurs bin ich mit einer Kursteilnehmerin näher in Kontakt gekommen. Ich habe ihr von meinem zweiten Roman erzählt und ihr den 1. Band des Briefwechsel-Romans zu lesen gegeben. Sie war begeistert davon und hat mich ermutigt, ihn einem Verlag anzubieten. Das habe ich dann auch tatsächlich getan. Ich habe den 1. Band der Geschichte dem Novum Verlag, ein Verlag für Erstautoren geschickt. Und oh Wunder - sie fanden meine Geschichte gut und waren bereit, sie zu veröffentlichen.
Bevor es richtig losging, bin ich aus dem Elternhaus ausgezogen und habe als Klassenlehrperson eine 100% Stelle angetreten. Da ich absolut keine Ahnung hatte, wie eine Buchveröffentlichung genau vor sich geht, wurde ich davon richtig überrannt. Da der 1. Band der Geschichte 500 DIN A4 Seiten umfasste, war er für ein Buch zu umfangreich. Also wurden schlussendlich 3 Bände daraus. Nun hatte ich 3 Bände statt nur einen Band am Hals. Dies bedeutete 3 Cover, 3 Buchrückentexte ... Ich musste die Schriftart, das Layout ... absegnen, bevor es in den Druck ging. Wie sollte ich das alles rechtzeitig neben einem 100%-Job schaffen?
Das Universum hat auf seine ganz eigene Art eingegriffen, etwas gewöhnungsbedürftig. Nach 6 Wochen Unterricht, wurde ich fristlos entlassen. Nun hatte ich zwar Zeit für die Veröffentlichung der 3 Bände, aber es dauerte ein Jahr, bis ich wieder einen Job hatte.
Ich hatte die Möglichkeit, das Cover selber zu gestalten. Da ich aber nach der Lehrerausbildung nie mehr zu Hause gemalt oder gezeichnet hatte, da meine Mutter mich immer dazu überreden wollte zu Aquarellieren, wie sie es tat. Ich bevorzuge jedoch das Realistische Zeichnen mit Bleistift oder Buntstift. Ich hatte also keinerlei Übung im Zeichnen und hätte für die Bilder viel zu lange gebraucht. So habe ich einen ehemaligen Kursleiter damit beauftragt. Er hatte auch eine Bekannte, die als Grafikerin arbeitet und sich mit Covergestaltung auskennt. Wir haben zwar alles besprochen, doch schlussendlich waren die Coverbiilder und das Cover dann doch anders, als ich es gerne gehabt hätte. Ich habe mich dann damit abgefunden, da ich die beiden ja schliesslich bezahlen musste und keine Zeit für Experimente war.
Der gewünschte Erfolg blieb aus. Mein Brotjob hat mich zu sehr absorbiert. Ich habe auch daran gezweifelt, ob die Schriftstellerei wirklich mein Ding ist. Inzwischen habe ich den Vertrag mit dem Verlag aufgelöst, da ich für die Vertragsverlängerung hätte bezahlen müssen. Das Publizieren hatte mich eine Menge Geld gekostet, da sich der Verlag ja absichern wollte.
Nun bin ich mir sicher, dass Schreiben mein Ding ist. Mir gefällt die Brief-Geschichte immer noch. Ich werde sie illustrieren, das Cover neu gestalten und einem anderen Verleger anbieten. Genauso mein erster Roman. Dieses Mal kann ich alles vorbereiten, was es zum Veröffentlichen braucht!
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Nach dem Schreibkurs "Herztraining" hätte ich die Möglichkeit gehabt, dem Schreibkurs "Mein Buch in einem Jahr" beizuwohnen. Ich habe mich jedoch gegen diesen Kurs entschieden, das die Autorin, die diesen Kurs anbietet, eine ganz andere Schreibmethode verwendet als ich. Sie plant eine Geschichte zuerst komplett durch, bevor sie zu schreiben beginnt. Sie erstellt einen sogenannten Plott. Sie entwickelt auch zuerst jede Figur. Ich verwende jedoch beim Schreiben die sogenannte Improvisatior-Methode. Ich schreibe, ohne zu wissen, wohin mich die Geschichte führen wird. Mir ist der Inhalt meiner Geschichte völlig unbekannt. Ich lerne meine Figuren während des Schreibens kennen. Ich könnte gar keinen Plott von meiner Geschichte erstellen.
Da jede Schreibmethode ein menschliches Konzept ist, ist meine bevorzugte Schreibmethode genauso richtig, wie jede andere. Ich habe mich entschieden, meiner Methode treu zu bleiben und darauf zu vertrauen, dass eine brauchbare Geschichte entstehen wird. Zwei Mal hat meine Methode ja bereits funktioniert. Folglich wird sie auch noch ein drittes und viertes Mal funktionieren.
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Liebe Grüsse
Pia